Korruption im Spiegel der Weltreligionen: Entwicklungspolitische Bedeutung eines moralisch-theologischen Urproblems

Abstract

Während noch in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts Korruption — allgemein verstanden als Missbrauch anvertrauter Macht zu privatem Vorteil — im Westen als weithin isoliertes Problem der sogenannten ‘Dritten Welt’ gesehen wurde (endogenes Problem), galt im Globalen Süden eine genau umgedrehte Sichtweise: Hier wurde Korruption vornehmlich als ein Problem der Industrienationen des Westens (eingeschlossen Japan) angesehen; diese würden durch Bestechung der politischen Eliten ungeniert höchste Gewinne erzielen (exogenes Problem). Kritiker im Westen unterstützten diese These zunehmend, sahen aber zugleich Korruption als gleichermassen endogenes wie exogenes Problem von Zivilgesellschaften in allen geographischen Regionen und Systemen (siehe etwa Küng 1990). Mittlerweile ist Korruption weithin als globales Problem anerkannt (Engels 2014; Kaufmann, Kraay, and Mastruzzi 2009) dessen Institutionalisierung in formalen und informellen Strukturen wesentlich die ökonomische und soziale Entwicklung besonders von Entwicklungsländern beeinträchtigt (Kaufmann and Vicente 2011). Dieser Beitrag entwickelt folgendes Argument: Bezogen auf die Ursachen und Eindämmung von Korruption und ihren Folgen basieren moderne Formen einer verfassungs-rechtlichen Rechtsordnung und welthistorische religiös-begründete Ordnungs- und Handlungsrahmen im Kern auf den gleichen elementaren normativen ethischen Bestandteilen. Somit stellt der Kampf gegen Korruption und die damit verbundene Forderung nach verantwortungsbezogener Politik (‘accountability’) und Regierungs- und Verwaltungshandlung (‘good governance’) nicht etwa eine westlich-geprägte (externe) Forderung ausserhalb — und ‘anders funktionierender’ — lokaler normativer und kultureller Grundstrukturen dar; vielmehr ist diese Forderung universal und kulturhistorisch begründet in den normativen Grundprinzipen aller grossen Weltreligionen und den damit verbundenen Kulturkreisen. Wir legen zunächst den Fokus auf die Frage nach ‘Gerechtigkeit’ als zeitloses gesamtgesellschaftliches und universelles Problem. Wir nähern uns dann der Frage nach der religiösen Legitimation von Handlungsrahmen, die korrupte Praktiken definieren und sanktionieren aus Sicht der großen Weltreligionen, die maßgebliche Kulturkreise und deren Rechtsordnungen geprägt haben. Im nächsten Schritt betrachten wir dann Korruption aus soziologischer Sicht um dann die Frage nach einer allgemein gültigen Gerechtigkeit als Grundlage für Korruptionsbekämpfung zu diskutieren.

Publication
In S. Jung, S. Friedrichs, & A. Armbruster (Eds.), Antikorruption und Leadership (pp. 179–196). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Date